Pascuali im Porträt - Paul - Pascuali

Pascuali im Porträt - Paul

Wir haben euch in diesem Blog schon diverse Designer vorgestellt, haben über Interessantes und Wissenswertes aus der Welt der Wolle berichtet und das ein oder andere Mal in die Technikkiste für euch gegriffen.

Nun dachten wir es wäre an der Zeit, auch mal ein bisschen von und über Pascuali zu erzählen!

Von Claudia Ostrop

Wir haben euch in diesem Blog schon diverse Designer vorgestellt, haben über Interessantes und Wissenswertes aus der Welt der Wolle berichtet und das ein oder andere Mal in die Technikkiste für euch gegriffen.

Nun dachten wir es wäre an der Zeit, auch mal ein bisschen von und über Pascuali zu erzählen!

Ich hatte das Glück, Paul Pascuali in einer freien Minute zu erwischen – und er hat sich die Zeit genommen, um über die ersten Anfänge bis hin zum heutigen Unternehmen mit mir zu plaudern. 

Hallo Paul, wie schön, dass Du Dir die Zeit nimmst, den Leser:innen dieses Blogs ein bisschen was über Pascuali zu erzählen! Wer oder was steckt denn also hinter Pascuali?

„Hallo! Tja, sehr viele Kunden, die mich zum ersten Mal treffen, sind erstaunt wenn sie mich sehen – sie haben sowas wie einen 65-jährigen Italiener erwartet. Bin ich aber nicht! Ich bin 39 und komme aus Argentinien. Dass ich noch so jung bin, überrascht viele.“

Paul wurde in Deutschland geboren, ist aber schon als Kind mit seinen Eltern nach Argentinien gegangen. Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater Argentinier mit italienischen Wurzeln (die Vermutung, Paul sei Italiener, ist vom Namen her also gar nicht so falsch). Als die wirtschaftliche Situation im Land immer schwieriger wurde, ging Paul 2003 nach Deutschland zurück. Sein Plan war, in Spanien Tourismus-Management zu studieren. Zuvor musste er aber in Spanien seine argentinische Schulausbildung anerkennen lassen – leider gingen auf dem Postweg nach Spanien wichtige Unterlagen verloren. Um nicht ein Jahr in Spanien warten zu müssen, entschloss sich Paul, die Zeit zu überbrücken, indem er in Deutschland Deutsch lernte.

„Zuhause in Argentinien hat meine Familie mütterlicherseits ostfriesisches Platt gesprochen – erst hier in Deutschland habe ich Deutsch von Anfang an gelernt. Es gefiel mir in Deutschland sehr gut, und da meine Familie auch hier war, habe ich mich entschieden, das Abitur an der Uni Köln (im Studienkolleg) zu machen.“

Dann kam auch noch die Liebe ins Spiel und so blieb Paul in Deutschland. 

„Mit Wolle hatte ich zu der Zeit noch gar nichts am Hut. Ich habe in einem Hausmeister-Service gearbeitet, um meinen Lebensunterhalt zu finanzieren.“

Wie Paul Pascuali zur Wolle kam

In 2006 kam Paul gemeinsam mit einem ebenfalls aus Argentinien stammenden Freund auf die Idee, handgefertigte argentinische Ponchos in Deutschland zu verkaufen.

„Meine Frau studierte damals Mode-Design, die Schwiegermutter des Freundes hatte ein Atelier. Das passte doch perfekt: Es sollten moderne Ponchos werden – umgearbeitet, mal mit Kragen, mal mit Ärmeln – aber das hat leider überhaupt nicht geklappt. Wir haben keinen einzigen davon verkauft.

Vielleicht waren die Ponchos zu teuer, wirft Paul ein, vielleicht war man zu früh – der Poncho kam hierzulande einige Jahre später in Mode. Online-Shops standen damals noch in den Kinderschuhen, die Reichweite war einfach nicht groß genug. So gab es am Schreibtisch im winzigen Kellerladen nicht viel zu tun. 

„Aber ich war in Kontakt mit Wolle gekommen und irgendwie war da mein Interesse geweckt. Ich stellte fest, dass argentinische Wolle ein echt gutes Preis-Leistungs-Verhältnis im Vergleich zu dem bot, was es in Deutschland gab.“

2007 – Paul studierte mittlerweile Logistik – kündigte sich das erste Kind der Pascualis an. 

„Meine Frau war in ihrem Studium weiter als ich mit meinem. So habe ich mein Studium abgebrochen, um Geld zu verdienen. Meine Frau studierte dann weiter.“

Das Paar kam auf die Idee, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen: Mode aus argentinischer Wolle. Beste Materialien, bestes Design – eine Modekollektion sollte es irgendwann werden.

Die erste Pascuali-Wolle – im Koffer aus Patagonien geholt

„Ich habe also mein letztes Geld für ein Flugticket nach Argentinien zusammengekratzt und kam zurück mit zwei Koffern voller Wolle aus Patagonien. Vor allem Merino und handgesponnenes Angora. Das wollten wir erstmal über Ebay verkaufen, um Geld zu verdienen. Aber es passierte leider nix.“

Die im Koffer importierten Stränge waren alle unterschiedlich schwer, mal 80, mal 120, mal 150 Gramm. Alles wild durcheinander. So konnte es nicht klappen.

„Dann haben wir aus der Wickelkommode meiner Tochter eine echte Wickelkommode gemacht: Wir haben aus all den Strängen 50-g-Knäuel gewickelt und sie bei Ebay als 1-Euro-Auktionen eingestellt. Das hat dann plötzlich gut funktioniert!“

Und so konnte Paul Pascuali nach und nach immer mehr Wolle aus Argentinien heranschaffen.

„Unsere Firma war im Wohnzimmer, im Kellerverschlag unserer Mietwohnung, überall war Wolle. Und meine Frau und ich haben nachts mit dem Auto die Paketstationen abgeklappert, um für die ganzen zu verschickenden Pakete noch freie Boxen zu finden!“

Man wechselte zur Verkaufsplattform Tradoria (die später von Rakuten übernommen wurde) und war nach ein paar Jahren unter den Top-50-Verkäufern in Deutschland. Mittlerweile kauften Paul und seine Frau die Wolle über Zwischenhändler ein und versahen sie mit eigenen Etiketten. 

„Wir haben auch eine Menge Lehrgeld bezahlt. Auch damals wurde schon abgemahnt. Und wenn man z.B. 100 Prozent „Babykamel“ schrieb anstatt Kamel-Haar – dann kostete das schnell mal 200 Euro Strafe, denn das verstieß gegen die Textilkennzeichnungsverordnung. In unseren ersten Jahren war das viel Geld und hat uns echt wehgetan. Aber letztlich hat meine Frau und mich all das gemeinsam stärker gemacht. Wir sind immer wieder aufgestanden.“

Als Pauls Frau mit ihrem Studium fertig war, beschloss sie, doch nicht ins Strickdesign einzusteigen. Der Ursprungsplan einer eigenen Modekollektion aus argentinischer Wolle war damit gestorben. 

„Aber ich habe mich wirklich immer mehr für Wolle interessiert. Für die Faser, für die Verarbeitung. 2011 habe ich meinen Vollzeitjob gekündigt und 2012 habe ich mich dann in Mönchengladbach zum Studium der Textiltechnologie eingeschrieben.“

Bis 2015 wurden Pascuali-Garne ausschließlich an Endverbraucher verkauft. In 2015 konnte Paul auch seine erste Mitarbeiterin einstellen. Die Familie zog in ein Haus um.

„Da hatten wir zwar größere ‚Firmenräume‘ als in der Wohnung – aber es war immer noch alles unter einem Dach. Das ist auf Dauer ganz schön schwierig, wenn die gesamte Arbeit immer um einen herum ist, Tag und Nacht und am Wochenende.“

Der kleine Wollhandel wird zum großen Geschäft

2016 kam Paul Pascuali mit seinen Garn-Handel in den Genuss einer Fördermaßnahme des Bundeswirtschaftsministerium, das die Teilnahme junger, innovativer Unternehmen an ausgesuchten Messen in Deutschland unterstützt. 

„Wir konnten unsere Produkte auf der h+h in Köln präsentieren, und das war ein richtig großer Erfolg. Unser Sortiment unterschied sich deutlich von dem der anderen Anbieter. Wir hatten Yak, Kaschmir und sogar vegane Garne im Angebot und das war seinerzeit wirklich etwas Besonderes!“

Mit der schlagartig gestiegenen Nachfrage wurde es in der heimischen Wohnung im wahrsten Sinne des Wortes zu eng. Das Paar beschloss: Wenn wir künftig ausschließlich von der Wolle leben wollen, müssen wir ausbauen. 

„Ich bin also fröhlich zur Bank marschiert und dachte, ich gehe mit einem Kredit nach Hause. Aber nichts da. Doch ich war so froh, in dieser Branche gelandet zu sein. Ich wollte gar nichts anderes mehr machen. Was sollten wir tun? Alles hinschmeißen? Oder einfach so tun, als hätten wir Geld?“

     

Man entschloss sich für letzteres. Es war klar, dass die Firma eigene Räumlichkeiten bräuchte. Selbstbewusst wandte man sich an einen Makler.

„Dass wir dann in der wunderschönen alten Villa in Frechen landeten, war eigentlich ein Versehen – wir hatten uns für kleinere Räume nebenan interessiert, aber der Makler dachte, wir seien wegen der repräsentativen Räumlichkeiten da!“

Der spätere Vermieter kam zum Gesprächstermin mit einem Packen Handarbeitszeitschriften und Ausdrucke unter dem Arm. Er hatte sich über Paul informiert und war völlig begeistert von dessen Unternehmenskonzept. Er gab ihm einen ordentlichen Vertrauensvorschuss und die kleine Firma bekam große Räume.

Nachhaltigkeit als Kernbotschaft

Zum Unternehmenskonzept von Paul Pascuali gehört die ökologische und nachhaltige Wirtschaftsweise. 

„Stricken, häkeln, weben – das ist echte Nachhaltigkeit, weil das den industriellen Textilprozess unterbricht. Machen wir uns nichts vor - die Textilindustrie gehört zu den allergrößten Umweltsündern. Und damit die Nachhaltigkeit des Handarbeitens nicht mit Plastikgarnen ad absurdum gestellt wird, legen wir so großen Wert auf natürliche Fasern.“ 

Bei Pascuali wird größtmöglichen Wert auf die Herkunft der Fasern gelegt. Wenn möglich, erfüllen die Fasern Bio-Standards. Tierwohl und sozialverträgliche Bedingungen aller im Produktionsprozess Beteiligten sind unabdingbar. Es gibt keine Plastik-Verpackungen, die Garne werden nur in Papier verpackt, wenn sie sich auf den Weg zu den Händlern oder den Kunden machen. 

„Plastik lässt sich nicht immer und überall vermeiden. Manchmal müssen Kunstfasern sein – kein Feuerwehrmann möchte in einem Wollanzug einen Brand löschen. Aber wenn es Alternativen gibt, sollte man sie nutzen. Plastik in Wolle und Garnen ist für mich ein No Go!“

Im Pascuali-Sortiment finden sich auch Viskose-Fasern, könnte man kritisch anmerken, so ganz umweltfreundlich ist deren Herstellung schließlich nicht. 

„Aber immerhin kann man jedes Pascuali-Gestrick in den Wald werfen, und es wird dort bald zu Erde!“ Apropos Wald: Mit Aktionen wie „Strick Deinen Baum“ zeigt Pascuali, dass es ihm ernst ist mit seinem Umweltbestreben.

Es sei ihm durchaus bewusst, dass sich nicht jede(r) Stricker:in teure, bio-zertifizierte Garne leisten könne. Yak und Kaschmir würden einfach in einer höheren Preisklasse spielen als Schur- und Baumwolle. Aber solange es günstige plastikfreie Alternativen gäbe, solle man diese auch verwenden, so Pauls Appell. Niemand könne stets hundertprozentig korrekt handeln, aber jeder könne dies zumindest versuchen. 

„Nachhaltigkeit ist kein Widerspruch zur Wirtschaftlichkeit“, so Paul. 

Für Pascuali ist es wichtig, den Weg der Faser stets zu 100 Prozent zurückverfolgen zu können. Es wird genau auf die Arbeitsweise der Zulieferer geschaut: Wasseraufbereitung, die Nutzung von Solarenergie: „Wir setzen alles daran, um unseren ökologischen Fußabdruck so gering wie möglich zu halten!“ 

Das wissen auch die Stricker:innen zu schätzen, die mittlerweile nahezu weltweit mit Pascuali-Garnen stricken. Nachdem der Grundstein für den Garnhandel im deutschsprachigen Raum gelegt worden war, gab es zunächst nur vereinzelte Anfragen aus dem Ausland. Mit einem Stand auf der Vogue Knitting Live in New York in 2019 änderte sich das aber schlagartig – mittlerweile gibt es Pascuali-Repräsentanten im gesamten US-amerikanischen Raum und Kanada. Nach Deutschland sind die USA der zweitstärkste Absatzmarkt, gefolgt von Skandinavien und der Schweiz. 

Das Augenmerk auf ein besonderes Sortiment gelegt

Das Sortiment von Pascuali ist besonders. Neben klassischer Merinowolle finden sich viele rare Fasern wie die von Yak oder Vikunja in den Regalen. Paul Pascuali orientiert sich bei der Auswahl seiner Garne an deren Eigenschaften, blickt auf den technischen Hintergrund der Fasern. 

„Ich gucke nicht, was meine Mitbewerber machen. An erster Stelle ist mir wichtig, das die Garne – für mich – etwas Besonderes, irgendwie exotisch sind. Wir waren z.B. vor knapp zehn Jahren eines der ersten Unternehmen, die Kaschmir für Handstricker:innen angeboten haben. Weich muss es sein – würde der Trend zu kratzigeren Garnen gehen, wäre mir das egal. Weich und natürlich absolut hochwertig muss ein Pascuali-Garn sein.“ Letzteres ist auch der Grund dafür, warum in Pascuali-Garnen keine recycelten Fasern tierischen Ursprungs Verwendung finden. Diese Garne sind in aller Regel von nicht allzu hoher Qualität. 

Mittlerweile umfasst das Sortiment von Pascuali über 30 verschiedene Qualitäten. Pro Jahr setzt das Unternehmen aktuell ca. 15 Tonnen Garn um: Bei durchschnittlich 4.000 Metern Lauflänge pro Kilogramm sind das rund 60.000.000 Meter oder 60.000 Kilometer Garn. Das reicht, um eineinhalb Mal die Erde zu umwickeln. Oder reichlich 45.000 Pullover zu stricken, oder ca. 133.000 Paar Socken – auf jeden Fall eine ganze Menge!

Die Frage nach seinem Lieblingsgarn hat Paul schnell beantwortet: Pinta und Puno! Es seien nun wirklich nicht die exklusivsten Garne seiner Kollektion, aber er schätze sie aufgrund ihrer Vielfältigkeit. „Es sind tolle Ganzjahresgarne!“

Da drängt sich eine Frage auf - Paul, kannst du selber denn auch stricken?

„Nein. Leider nein. Mir fehlt die Geduld – das wird einfach nix. Aber ich weiß, wie eine Strickmaschine funktioniert!" 

Also kein Hobby-Stricker. Stattdessen verbringt er seine Freizeit gern mit Frau und Kindern (und natürlich Bürohund Lotta!) – entweder auf Reisen oder bei Kurztrips in die nahegelegene Eifel. Man findet ihn aber auch im Fitness-Studio. „Eigentlich bin ich nie allein, ich habe immer Familie und Freunde um mich rum. Wir unternehmen viel gemeinsam.“

Wir dürfen gespannt sein, was uns als nächstes im Garn-Sortiment von Pascuali erwarten wird. Auf eins können wir uns mit Sicherheit verlassen – es wird schön.

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