Testbericht Muskasch

Was ist der Inbegriff von Zartheit und Leichtigkeit? Ein lauwarmer Windhauch auf der nackten Haut? Seifenblasen, die unbeschwert gen Sonne steigen? Schaum, der den Körper umschmeichelt? Eine Feder, die in der Luft tanzt? Die körperlose Fülle von Zuckerwatte? Rosenblütenblätter? Seidenpapier?

Und was verkörpert Kostbarkeit? Gold? Diamanten? Kaviar? Eine filigrane Antiquität? Ein unbezahlbares Kunstwerk? Ganz gleich, welche Antworten Ihr auf diese beiden Fragen gegeben habt - sie sind falsch. Die richtige Antwort lautet: Muskasch.

Muskasch, das uns heute in die kalten Weiten Kanadas und Alaskas führt, besteht zu 50 % aus Kaschmir- und zu 50 % aus Moschusochsenfasern. Der Strang von nur 30 g entspricht einer Lauflänge von 109 m, und hier muß zunächst gründlich umgedacht werden: Der Faden ist in seinen Bestandteilen zwar sehr fein, aber auch ungewöhnlich voluminös, wie das Bild unten zeigt. Dadurch kann frei entschieden werden, ob Feinheit oder Opulenz in den Vordergrund treten sollen. Die hier gezeigten Pröbchen wurden alle mit NS 3 mm gestrickt. Die Arbeit mit Muskasch ist beglückend, emotional intensiv und unbeschreiblich … “anders”. Manchmal im Leben bekommt man ganz unverhofft die Gelegenheit, an etwas Unvergleichlichem teilzuhaben, an etwas, das die Seele berührt und sich in die Erinnerung einbrennt, das einen von nun an wie ein Schatz für immer begleitet. Es kann eine Operpremiere sein, der unvergeßliche Anblick eines Sternschnuppenhagels oder einer Sonnenfinsternis, oder die Begegnung mit einem ganz besonderen Menschen. Muskasch zu entdecken ist ein solches Erlebnis. Muskasch ist sehr viel mehr als nur ein Strickmaterial. Es ist ein Moment perfekten Glücks, ein Augenblick erfüllender Harmonie, die Erfüllung einer mythologischen Verheißung. Die Verzwirnung ist perfekt durchdacht, und Muskasch strickt sich sozusagen von selbst. Schlechte Nadelqualität, unzählige Ribbelversuche lassen es ganz unbeeindruckt. Der Materialverbrauch ist beeindruckend klein - 5 Pröbchen mit nur 30 g, eine ungewöhnliche Bilanz.

Das Gestrick ist elastisch, aber sehr formstabil und trotz des Flaumes kommt jede Art von Muster zur Geltung: Sehr feine Strukturmuster werden optimal hervorgehoben, Lacearbeiten gewinnen an Erlesenheit und selbst einfache Glattrechts-Flächen zeigen unmißverständlich, daß man es hier nicht mit einem alltäglichen Strickgarn zu tun hat. Zugegeben: Der Preis ist schmerzhaft, sehr schmerzhaft sogar. Wer aber Muskasch verstrickt, vergißt ihn augenblicklich. In all meinen Strickerjahren ist mir nie ein sinnlicheres Garn begegnet. Die Farbpalette ist zur Zeit noch klein - allerdings ist die naturbelassene Variante (die meine Kamera leider nur sehr unzureichend erfaßt) vielleicht ohnehin die bessere Wahl, um den durch und durch edlen Charakter dieses Garns zu unterstützen. Ein “Garn des Jahres” ist Muskasch auf jeden Fall jetzt schon.

  

  

Quelle: http://www.strickloft.kunst-loft.de/?p=3939

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