Wissenswertes

Viskose – Kunstfaser oder Naturfaser?

von Claudia Ostrop - 10 Dec, 2021

In unserem Blogpost  über Kunstfasern in Strickgarnen haben wir unsere kritische Einstellung zu diesem Thema erläutert. Warum wir trotzdem „Kunstfasern“ – nämlich Viskose – in einigen unserer Garne verwenden, möchten wir euch im folgenden Text erklären. 

Kunstfasern – vollsynthetisch oder halbsynthetisch

Kunstfasern für Textilien lassen sich in zwei Gruppen unterteilen. Da sind zum einen die vollsynthetischen Fasern: Sie werden in einem chemischen Prozess auf Basis nicht-nachwachsender Rohstoffe hergestellt, z.B. aus Erdöl.

Wird die Faser zwar in einem chemischen Prozess, allerdings auf Basis nachwachsender Rohstoffe, hergestellt, spricht man von halbsynthetischen Kunstfasern.

Was ist Viskose?

Viskosefasern werden aus Zellulose hergestellt, dem Hauptbestandteil pflanzlicher Zellwände. Als Basis für die Produktion dienen verschiedene Holzarten und auch Bambus. 

Mit Hilfe von Chemikalien wie Natronlauge und Schwefelsäure werden Holzspäne oder Bambus-Chips in eine zähflüssige („viskose“) Masse verwandelt. Diese Flüssigkeit wird dann durch Düsen gespritzt und verfestigt sich. Das Ergebnis sind so genannte Viskose-Filamente, die im weiteren Verlauf zu Garnen versponnen werden können. Viskosefasern werden aber nicht nur für Garne und Textilien verwendet. Sie finden sich u.a. in Teebeuteln und Hygieneartikeln und sogar im Papier, aus dem Banknoten gemacht werden!

Eigenschaften von Viskosefasern

Das Viskoseverfahren macht aus Holz oder Bambus eine halbsynthetische Faser. Ihre chemische Zusammensetzung ähnelt der natürlicher Baumwolle. Sie ist sehr weich und geschmeidig. Feuchtigkeit wird sehr gut aufgenommen und ebenso gut wieder abgegeben: Viskose kann bis zu 400 Prozent ihres Eigengewichtes an Feuchtigkeit aufnehmen ohne dabei nass zu wirken. Es stellt sich eher ein kühlender Effekt ein. Damit eignet sich die Faser hervorragend für die Verwendung in Sport- und auch Arbeitstextilien. Im Vergleich zu natürlicher Baumwolle ist Viskose pflegeleichter, da sie leichter zu waschen ist, schneller trocknet und weniger stark knittert. 

Viskose hat einen zarten Glanz, der Farben besonders gut zur Geltung kommen lässt. Damit erinnern Textilien wie z.B. Strickstücke mit einem hohen Viskose-Anteil ein wenig an Seide. Das war im Übrigen auch der Wunsch, der hinter der Entwicklung des Viskose-Verfahrens stand: Eine kostengünstige Alternative zur teuren Seide zu finden. So wurde Viskose lange auch als „Kunstseide“ bezeichnet. 

Viskose: Pro & Contra

Es gibt einiges, das für die Verwendung von Viskose als Bestandteil von Garnen und Textilien spricht. Da sind zum einen die oben beschriebenen, positiven Faserqualitäten. 

Viskose hat immer einen nachwachsenden Rohstoff zur Basis und ist damit später auch biologisch abbaubar. Es kann kein Mikroplastik entstehen wie bei vollsynthetischen Kunstfasern. In aller Regel ist der Pestizid-Einsatz für Zellulose-Rohstoffe sehr gering. Diese (weitestgehende) Schadstofffreiheit macht sich auch positiv hinsichtlich der Tragequalität bemerkbar – auch empfindliche Menschen kommen gut damit zurecht. 

Auf der technischen Seite spricht für Viskose, dass im Rahmen der Produktion Faserlänge und -stärke ganz an den jeweiligen Nutzungszweck angepasst werden kann. 

Doch natürlich gibt es auch Punkte, die auf der Negativ-Seite zu verbuchen sind. Diese finden sich im Produktionsprozess. Es werden umweltschädliche Chemikalien benötigt, um im Viskose-Verfahren die Zellulose freizusetzen und um später aus der Spinnflüssigkeit Fasern zu produzieren. Insgesamt ist der gesamte Produktionsprozess sehr energieaufwändig.

Was ist „besser“, Viskose oder Baumwolle?

Warum beschränkt man sich dann nicht einfach auf Baumwolle, anstatt Fasern natürlichen Ursprungs mittels eines chemischen Prozesses zu erzeugen? 

Um es ganz einfach zu formulieren – auch die Baumwolle ist nicht ganz ohne. Sie wächst nur in warmen, trockenen Ländern, und ihr Anbau geht mit einem sehr hohen Wasserverbrauch einher. Gemäß Schätzungen des WWF werden bis zu 11.000 Liter Wasser verbraucht, um 1 Kilogramm Baumwolle zu produzieren. Das sind etwa eine Jeans und ein T-Shirt – oder 20 kleine Knäuel Garn. Der hohe Wasserverbrauch liegt übrigens nicht daran, dass die Pflanzen soviel Wasser benötigen. Die Ursache ist vielmehr, dass in den Anbauländern oft durch Überflutungen gewässert wird. Ein Gutteil des Wasser verdunstet auf dem Weg zur Pflanze oder versickert in maroden Leitungen. Und wie sieht es da bei Viskose aus? 

Für die Produktion der gleichen Menge Viskose wird etwa nur 5 Prozent der Wassermenge verbraucht, wie sie für Baumwolle benötigt wird.

Im konventionellen Baumwollanbau sind genveränderte Pflanzen üblich – auf schätzungsweise 80 Prozent aller Baumwollfelder weltweit wachsen genmanipulierte Pflanzen. 

Und nicht zuletzt gehört Baumwolle zu den Pflanzen mit dem stärksten Pflanzenschutzmitteleinsatz. Laut Umweltinstitut München wird Baumwolle pro Saison im Durchschnitt 20 Mal mit Ackergiften aller Art besprüht. 

Deutlich besser schneidet da Bio-Baumwolle ab: Die Pflanzen sind gentechnisch nicht verändert, es werden keine chemischen Pflanzenschutzmittel und Dünger eingesetzt und nicht zuletzt ist der Wasserbrauch deutlich geringer: Durch die in der Bio-Landwirtschaft angewendete wechselnde Bepflanzung der Felder ist mehr organisches Material im Boden, dieses kann viel mehr Wasser speichern als ausgelaugte Böden. Und darüber hinaus wird für die Bewässerung von Bio-Feldern häufiger Regenwasser gespeichert. 

In unseren Garnen NepalPuno/Puno Winikunka und Suave findet sich übrigens nur Baumwolle aus kontrolliert-biologischem Anbau.

Viskose aus Bambus

Viskosefasern werden zumeist aus Buche, Pinie, Fichte, Eukalyptus, einjährigen Faserpflanzen und sehr kurzen Baumwollfasern hergestellt – sowie aus Bambus. Da wir in unseren Garnen Forest und Cumbria Bambus-Viskose verwenden, wollen wir auf diese Art etwas näher eingehen. 

Bambus als Ausgangsmaterial für Viskose hat viele Vorteile:

Er ist sehr klima-tolerant und kann auf über 70 Prozent der Landfläche angebaut werden. Bambus ist zudem extrem robust und braucht faktisch keine Pflanzenschutzmittel. Und auch ohne Dünger wächst er unglaublich schnell: Bambus ist eine der sich am schnellsten erneuernden Ressourcen. Alle drei Jahre kann er „geerntet“ werden, und der Rückschnitt tut der Bambuspflanze sogar gut.

Bambus enthält antibakterielle Wirkstoffe, die auch durch das Viskose-Verfahren erhalten bleiben. Die Fasern weisen winzige Hohlräume auf, die eine besonders gute Wasseraufnahme und Wärmeregulierung ermöglichen. Und nicht zuletzt für Gestricktes besonders schön: Garne aus Bambus sind sehr weich, haben einen leichten Glanz und einen schönen Fall. Bambusgarn fasst sich eher wie eine feine Wolle an als wie eine (halb-) synthetische Faser.  

„Neue“ Viskose-Fasern: Lyocell, Modal & Co.

Das weiter das oben beschriebene Viskose-Verfahren gibt es schon seit über 100 Jahren. Mittlerweile sind weitere Methoden und Faserarten hinzugekommen. 

Modal wird vorwiegend aus Buchenholz hergestellt. Das technische Verfahren unterscheidet sich nicht wesentlich von der Gewinnung der „normalen“ Viskose. Modal-Fasern sind jedoch deutlich stabiler als normale Viskose-Fasern.

Lyocell („Tencel“) ist ebenfalls eine Faser, die aus Zellulose gewonnen wird, allerdings werden zur Gewinnung des Zellstoffs keine giftigen Lösungsmittel verwendet. Zudem wird in einem komplett geschlossenen Produktionskreislauf gearbeitet, sodass die Umweltbelastung deutlich geringer sein dürfte als beim klassischen Viskose-Verfahren. Allerdings steht und fällt die Umweltfreundlichkeit auch hier mit der Herkunft der verarbeiteten Hölzer. 

Fazit

Es ist nicht ganz einfach, sich für die eine oder gegen die andere Faser zu positionieren. Beide, also sowohl die Viskose als auch die Baumwolle, haben ihre Stärken und ihre Schwächen. Am Ende haben beide ihre Berechtigung.